Einblick in die Weltraumforschung

Auf dem Podium V. l. n. r.: Dr. Ulf Merbold, Werner D’Inka (Präsident des FPC), Prof. Jan Wörner und Dr. Rolf Densing

„Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr …“ – 2016, genauer: den 4. November desselben Jahres, 18 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Nein, wir haben uns an diesem Abend nicht an Bord des Raumschiffs Enterprise verirrt, um mit Captain Kirk auf intergalaktische Abenteuer zu gehen. Wir haben ganz irdisch das ESOC besucht, um Einblick in die Aktivitäten der Europäischen Weltraumorganisation zu gewinnen, die in der Öffentlichkeit meist nur durch spektakuläre Aktionen im All größere Aufmerksamkeit erhält. Wer mit „wir“ gemeint ist? Die Mitglieder der PresseClubs aus Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden, die auf Anregung des Frankfurter PresseClubs dem ESOC einen Hausbesuch abgestattet haben.

Erster ESA-Astronaut

Empfangen wurden wir von Professor Jan Wörner, ESA-Generaldirektor, HQ/Paris, Dr. Rolf Densing, ESA-Direktor für Missionsbetrieb und ESOC-Zentrumsleiter, sowie Dr. Ulf Merbold. Der ehemalige Astronaut erzählte, dass er zu diesem Job eigentlich nur zufällig kam. Denn als Merbold sich darauf bewarb, war er gerade am Max-Planck-Institut als Festkörper-Physiker tätig. Bis eben eines Tages in einer Anzeige in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach geeigneten Wissenschaftlern gesucht wurde, die an der Entwicklung des Raumlabors Spacelab mitwirken sollten – mit Aussicht auf die Teilnahme an einer Raumfahrtmission. Seine Frau meinte, das würde doch eh nichts werden. Von wegen: Beworben, geprüft, bestanden und im Rahmen des US-amerikanischen Space-Shuttle-Mission als erster ESA-Astronaut ins All geflogen – um mal den astronautischen Werdegang salopp im Galopp zu beschreiben.

Merbold wurde später noch zweimal in den Weltraum geschickt. Nach ihm folgten zahlreiche andere Europäer. Sie arbeiteten auch an Bord von russischen Sojus-Raumschiffen, auf der Raumstation Mir und mittlerweile auf der Internationalen Raumstation ISS. Auf ihren Einsatz vorbereitet werden die Astronauten übrigens im Europäischen Astronautenzentrum, das 1998 in Deutschland gegründet und eine Zeit lang von Merbold geleitet wurde.

Rauchmelder: Entwicklung aus der Weltraumindustrie

Später war Merbold Teil des Direktoriums des Europäischen Weltraumforschungs- und Technologiezentrums. In diesem Zentrum werden gemeinsam mit der Industrie Missionen geplant und koordiniert – denn die Weltraumforschung bietet für die Industrie und für Forschungsinstitute die Möglichkeit, an Innovationen zu arbeiten, die nicht nur im Weltraum ihren Einsatz finden, sondern auch auf der Erde genutzt werden können. Der Rauchmelder gehöre beispielsweise dazu, so Wörner. Der ESA-Generaldirektor sagte, dass die Raumfahrt gerade vor einem Paradigmenwechsel stehe: Space 4.0 heiße die Vision, die künftig nicht nur der Wissenschaft und Industrie, sondern auch verstärkt der Politik und Gesellschaft nutzen werde. In einem ausführlichen Interview auf der ESA-Homepage erläutert er diese Vision. Viele Erkenntnisse der Weltraumforschung kommen letztlich der Allgemeinheit zugute.

Wie Weltraumtechnologien und insbesondere Satelliten unsere Gesellschaften unterstützen, zeigt sich unter anderem in den Kommunikationsdienstleistungen und der Erdbeobachtung. Wer könnte sich zum Beispiel heute noch ein Leben ohne Mobiltelefon oder Navigationshilfen vorstellen? Bei natürlichen oder von Menschen erzeugten Ereignissen wie einer Flut, einem Vulkanausbruch oder einem Waldbrand liefern Satelliten Daten über die Situation. Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull 2010 führte beispielsweise dazu, dass der Flugverkehr in Europa weitläufig eingestellt werden musste.

Ein weiteres Beispiel sei die Beobachtung der Flüchtlingsströme. Mit der Satellitentechnik könne in sonst unübersichtlichen Flüchtlingscamps sogar die ungefähre Anzahl der Flüchtlinge ermittelt werden. Wörner machte an dieser Stelle nebenbei darauf aufmerksam, dass vom All aus betrachtet die Erde keine Grenzen besitze. Oder Stichpunkt Nahrungsmittelspekulation: Densing erklärte, dass mithilfe objektiver Messungen aus dem Weltraum  der Anbau von Reis verfolgt werde und sich damit Spekulation über Reispreise vermeiden ließen. Und natürlich ist auch die satellitengestützte Überwachung des Klimawandels ein Großauftrag der Erderkundung. Deren Messergebnisse helfen, mögliche Auswirkungen vorherzusagen.

Zukunftsauftrag: Planetary Protection

Densing stellte außerdem aktuelle Forschungsprojekte vor: Dazu zählt die Planung, auf dem Mond eine Basis zu errichten. Indem die Erde regelmäßig durch Meteoriten bedroht wird, die gelegentlich gefährlich nah an unseren Planeten vorbeifliegen, überlegen sich die Forscher zurzeit ein System zum Schutz unseres Planeten, das mögliche Gefahren aus dem All abwehrt. Und natürlich kam an dem Abend auch die Bruchlandung der Marssonde Schiaparelli zur Sprache. Wörner bewertete das missglückte Projekt durchaus als Erfolg, denn vieles hätte funktioniert. Nur bei der Landung sei ein Kommunikationsfehler zwischen Navigationsteil und Höhenmessgerät aufgetreten, wodurch das Landemodul nicht korrekt abgebremst wurde.

Schiaparelli ist Teil des Milliardenprojekts ExoMars, bei dem Europa mit Russland zusammenarbeitet, um auf dem Roten Planeten nach Hinweisen auf Leben zu suchen. Bei anderen Projekten kooperiere die Europäische Weltraumorganisation beispielsweise auch mit China zusammen. Dass die internationale Weltraumforschung zur Völkerverständigung beitrage und Brücken bauen könne, daran kam bei dem ESOC-Hausbesuch kein Zweifel auf.

Einblicke in den Kosmos

Der Ursprung der Weltraumforschung liegt darin, unser Sonnensystem, unser Universum und fremde Galaxien zu ergründen. In den vergangenen Jahrzehnten hat Europa wahre Pionierarbeit geleistet und viele Entdeckungen gemacht. Zum Beispiel dass die Sterne am äußeren Rand einer Galaxie sich ebenso schnell drehen wie im Innern. Eigentlich müsste die Umlaufgeschwindigkeit laut Gravitationsgesetzt im äußeren Bereich abnehmen. Verantwortlich für dieses Phänomen ist dunkle Materie, die nicht sichtbar ist, aber die Geschwindigkeit der Sterne zu beeinflussen scheint. Auch die  dunkle Energie, durch die sich das Universum ausdehnt, gibt den Wissenschaftlern Rätsel auf. „95 Prozent davon wird logisch nicht verstanden“, sagte Wörner.

Eine fast erfrischende Aussage nach all dem Wissen und den Möglichkeiten, über die die Menschheit schon jetzt verfügt. Und die bei manchen Menschen ganz sicher das Gefühl von Omnipotenz wecken. Aber genau diese vielen offenen Fragen sollten uns vielleicht eher umsichtiger, vielleicht ein wenig demütiger werden lassen. Denn wie oft hat die Wissenschaft ihre Erkenntnisse aufgrund neuer Einsichten überdenken müssen – so mein persönliches Fazit.

Der ESA-Hausbesuch endete mit einer Führung durch den Hauptkontrollraum des Satellitenkontrollzentrums. Auf den Tischen und an den Wänden bestimmen Monitore das Bild. Im Rücken der Arbeitsplätze informieren Tafeln über die Historie aller Weltraummissionen. Sie lassen sich durchaus wie eine Cocktailkarte lesen, wie eine kreative Kollegin treffend bemerkte.

Das ESOC bietet auch öffentliche und Gruppenführungen an. Infos unter www.esa.int